The Bastard Operator from Hell


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Das wichtigste in einem neuen Job ist herauszufinden, werdas Geld für Anschaffungen verwaltet. Nicht wer das Geld HAT, sondern wer es VERWALTETist entscheidend. Und am einfachsten ist es, unbekümmert etwas zu kaufen, dann kommen dieverantwortlichen Leute von selber an und man muß nicht lange nach ihnen suchen.

Also nehme ich die Yellow Pages und suche einen Laden, derWorkstations liefert. Für lächerliche 7 Riesen bestelle ich nach kurzem Verhandeln eineSun Ultra II mit 20 Zoll Farbdisplay und deutscher Tastatur, Spy-Camera und noch einigemSchnickschnack (zu englisch: knickknacks). Die Schachtel wird noch am selbem Taggeliefert, und ich entlasse die alte schnaufende Sparc2 offiziell aus ihren Diensten.Einen glücklichen Nachmittag lang bin ich beschäftigt, alle meine Tools und Games von Dauf die neue Ultra zu portieren. Nebenbei drangsaliere ich ein paar übereifrigePhD-Studenten, die im PC-Lab ihre Thesis zusammenhacken. So ein paar Abstürzezwischendurch lockern doch gleich die verkrampfte Deadline-Atmosphäre.

Plötzlich steht ER in der Türe. Ich sehe am monetärenGlitzern in seinen kleinen Schweinsäuglein, daß ER es sein muß: der Financial Directorfrom Heaven (FDfH). In der zitternden Linken hält er die Rechnung meiner neuen Ultra; mitder Rechten rückt er nervös an seiner Buchhalterbrille mit Stahlbügeln. "Hi"sagt er neutral zur Begrüßung und taxiert finster die glänzende Sun Ultra auf meinemSchreibtisch. Dann taxiert er mich und versucht herauszufinden, ob ich gefährlich seinkönnte oder ob er mich am besten gleich mit einem gewaltigen Tritt zerquetschen solltewie eine vorwitzige Kakerlake, die ihre sichere Deckung unter der Spülmaschine aufgegebenhat. Er entscheidet sich für die Kakerlaken-Methode, stellt sich auf die Zehenspitzen,holt tief Luft und sagt: "SIE!" - "SIE haben für $ 7.242,65 eine Sun UltraII mit", er blätterte frenetisch in der Rechnung, "mit einem 20 ZollFarbdisplay und Spezial-Tastatur, etc. etc. bestellt?!" Ich bestätige freundlich,daß dem so sei, und frage höflich, mit wem ich die Ehre habe. "Ich bin HaroldMcGain,der Financial Director dieses Instituts", sagt er gewichtig und schiebt denSpitzbauch vor. "Sie können unmöglich einfach..." "Ah! Der User'mcgain'", unterbreche ich ihn und raschele in meinen Papieren. "Freut michwirklich, Sie kennenzulernen! Der einzige User am Institut, der regelmäßig'alt.sexual.stockings.and.leather_belts' und 'alt.sexual. perverse.in.negliglee'konsultiert. Mal im Vertrauen: ein ziemlich ausgefallener Geschmack, finden Sienicht?" Seine braunen Froschaugen drohen auf meinen Teppich zu fallen; er schnappterst nach Luft, dann läßt er Dampf ab wie ein angestochenes Käsesouffle. "Das..das... wie... woher wissen Sie...", stottert er. "Well, Sie wissen doch",ich streichele zärtlich die Ultra, "es ist alles da drin... Wissen Sie was? Das istdoch alles gar kein Problem. Es braucht ja niemand zu erfahren, nicht wahr? Alles was Siebrauchen, ist doch nur eine vernünftige Erklärung, wie Sie die Ausgaben vor demFinancial Committee rechtfertigen können, was?" Er nickt schwach und läßt sich inden Besuchersessel fallen, den ich aus der Eingangs-Lobby geklaut habe. "Na, dann istdoch alles beste Bohne: ich liefere Ihnen schon die nötigen Begründungen!" Der FDfHhebt müde den Arm und deutet auf die leise schnurrende Ultra. "Und was istdamit?" fragt er weinerlich. "Deutsche Tastatur!" sage ich trocken."Was?" "Schreiben Sie als Begründung: war die einzige erhältlicheWorkstation mit optionaler deutscher Tastatur." "Aber..." "SchreibenSie einfach: der Mitarbeiter (also ich) droht mit Klage gegen die Leitung der Universitätwegen Diskriminierung von deutschen Minderheiten, wenn er nicht eine deutsche Tastaturerhält. Und Sun war die einzige Firma in der Bay Area, die eine deutsche Tastatur aufLager hatte."

Tja, ich habe meine Hausaufgaben gelernt. Das Wörtchen'Diskriminierung' bringt sie hier alle auf Trab. Nicht ist besser, als im Land derunbegrenzten Möglichkeiten einer Minderheit anzugehören. Zum Beispiel beim Busfahren:Alle Plätze sind besetzt mit alten Mütterchen, stillenden Müttern und einbeinigenWWI-Veteranen. Aber wehe es taucht jemand aus einer Minderheit auf! Da hopsen die Omas wiedie Schachtelteufelchen. Aber holla! Schließlich will man ja nicht auf seine alten Tagenoch wegen rassistischer Diskriminierung eines Deutschen verklagt werden... - Irgendwiegefällt es mir ganz gut hier...

Ich hole mir einen Becher voll der ekligen Flüssigkeit, diehier gemeinhin als Kaffee bezeichnet wird, und mache es mir mit der Mittagsausgabe des SanFrancisco Chronicle in meinem neuen Büro gemütlich. Schließlich ist es noch viel zufrüh, um an ernsthafte Arbeit auch nur zu denken. Und bis zum Lunch lohnt es sich ehnicht mehr, irgend etwas größeres zu beginnen.

Während ich mich systematisch von hinten (Funny Pages)über den Mittelteil (Datebook, local Sports) zur Titelseite (Catastrophies) durcharbeite,führe ich auf einem Schmierzettel die heutige Verluststrichliste. Alles in allem eineeher ruhige Nacht: insgesamt 8 Tote und 24 Verletzte bei 6 verschiedenen Shootings in SanFran, 4 und 9 in Oakland und ein 'aus Versehen' erschossener Schuljunge in Berkeley. Dannwar da noch ein Geistesgestörter, der mitten auf dem Freeway seine Magnum leergeballerthat (hat aber keinen getroffen!), eine Lady, die beim Joggen in den Berkeley Hills voneinem tollwütigen Mountain Lion angefallen wurde, und ein unglücklicher Teilnehmer einesFirmen-Picknics im Tilden Park, der im Suff in einen Bach gestolpert und ersoffen ist.

Gleichzeitig findet auf der Leserbriefseite eine hitzigeDebatte statt, ob man den City-Cops von Berkeley die Verwendung von Pfeffergas-Spraysverbieten solle. Außerdem plädiert der Vertreter der ARA (American Rifle Association)für eine Rücknahme der Sonderbesteuerung für automatische Schnellfeuer-Waffen. - Einewirklich reizende Gegend! So lebhaft! Vor allem Nachts! Wo sonst überall um sechs Uhr dieGesteige hochgeklappt werden, ist hier wenigstens noch was los auf den Straßen!

Ich blättere weiter zu den Kleinanzeigen. Da bitte! EinGun-Club in Oakland bietet zur Zeit Sonderkonditionen für neue Mitglieder. Einführung inalle Handfeuerwaffen, auf Wunsch auch Unterweisung in automatischen Schnellfeuerwaffen.Spezielle Sondertarife für HochschulangehörigeHochschulangehörige. Vielleicht sollteich auch ...? Wenn irgendeiner von den lausigen Usern, die ich gestern gelöscht habe,durchdrehen sollte...? Schließlich waren da so merkwürdige Löcher in der Wand hintermeinen Schreibtisch... Und was ist eigentlich mit meinem Vorgänger passiert...? - Naaa!Meine Waffe ist immer noch das Wort und der Computer!

Seufzend lege ich die Zeitung beiseite und beginne mit derharten Fron des Tages, indem ich in Gingers Büro vorbeischaue und mir ausführlich denneuesten Hochschulklatsch berichten lasse.

Nach dem Lunch, am späten Nachmittag, gehe ich insTreppenhaus und bohre eine Stecknadel durch das rote Koaxialkabel der Feuermeldeanlage.Brav beginnen die Sirenen zu heulen und die Mitarbeiter marschieren gähnend aus ihren Büros,um sich in den nicht angekündigten 'fire drill' einzureihen. In einem Land, wo alleGebäude praktisch aus Pappe und Sperrholz bestehen, wagt es keiner, einen Feueralarm zuignorieren. Nicht einmal die Systemverwalter. Während alle Angestellten sich unten aufderStraße versammeln und auf die Feuerwehr warten, klappere ich in aller Ruhe die Büroder System-Manager in den anderen Instituten ab. Fast überall sind ein paar Root-Windowsoffen geblieben, und ich pflanze ein paar hübsche trojanische Pferde in die Systeme ein.

Dann, bevor noch die Feuerwehrmänner mit der Suche nach demvermeintlichen Brandherd beginnen, verschwinde ich durch den Lieferanteneingang. Morgenist auch noch ein Tag. Ich kann schließlich nicht ständig Überstunden schieben;irgendwann fällt das auf!

 

 "WHAT THE HELL IS THIS!!!" -Mit lauten Knall klatscht Jerry ein Papier auf meinen Schreibtisch und funkelt michangriffslustig an. So etwas kann ich schon gar nicht verknusen! Vor 11 Uhr morgens lösenGeräusche mit mehr als 90 dB bei mir allergische Reaktionen aus. Andererseits scheintJerry momentan nicht in der Verfassung zu sein, sich mit dem üblichen "I'll comeback to you!" abspeisen zu lassen.

Jerry ist normalerweise absolut 'cool'. Er istso 'super-cool', daß er eine Büchse Cola nur anschauen muß und sie bedeckt sich inSekunden mit Rauhreif. Allerdings schaut er nicht sehr viel - außer auf seinComputer-Display. Die schweren Augenlider unter der umgekehrt aufgesetzten Baseball-Kappeund den beringten Augenbrauen sind normalerweise auf Halbmast festgezurrt. Weitere Ringein seiner Unter- und Oberlippe verhindern, daß er zu schnell spricht und wenn er Nahrungin flüssiger Form zu sich nimmt, rinnt unvermeidlich ein dünner Faden sein Kinn herab.Hören tut er auch nicht besonders gut, weil die vielen 'ethnic piercings' in seinenziemlich abstehenden Ohren ständig gegeneinanderklingeln. Aber Zuhören ist sowieso'un-cool'! Seine Haare sind in verschiedenfarbigem Rautenmuster geschoren, und er trägtimmer dieselbe kackbraune Latzhose, deren Schritt irgendwo bei seinen Kniekehlen baumelt.Deswegen kann er sich auch nur mit ganz kleinen Schritten fortbewegen, aber schneller zulaufen wäre sowieso... genau: absolut 'un-cool'! Zur Latzhose gehört ein geripptesUnterhemd, wie sie mein Großvater immer getragen hat, das selbstverständlich die'cool-sten' Löcher an den richtigen Stellen hat, die von einem absolut 'hyper-coolen''ripped-underwear-designer' mit größter Sorgfalt ausgesucht wurden. Durch manche derLöcher kann man seine Tatoos sehen, die natürlich alle 'super-cool' sind (Stacheldrahtum die Hühnerbrust, der sich auf dem Weg nach unten in ein 'power cord' verwandelt;dreimal dürft ihr raten, wo sich der zugehörige Stecker befindet!). Jerrys Sonnenbrilleist so 'cool', daß sie jedem Vollblinden perfekt anstehen würde. Aber das macht ihmnichts aus, denn Herumlaufen wäre ja, wie bereits gesagt, absolut 'un-cool', und zumHerumhängen oder Am-Straßenrand-Sitzen reicht die Blindenbrille allemal.  - Jerryist so 'cool', daß er eigentlich schon nicht mehr 'cool' ist: er ist 'nifty'! Nebenbeiist er einer unser besten Hacker und ein Faulpelz...

Im Moment scheint er allerdings nicht so ganzauf seiner üblichen 'coolen' Höhe zu sein. Also nehme ich seufzend und aufreizendlangsam den Fetzen Papier zur Hand, suche umständlich meine Lesebrille von Woolworth mit0.0 Dioptrin und gucke angestrengt auf das Papier. "Schaut aus wie deineLohnabrechnung", sage ich fünf Minuten später, während derer Jerry sich mühsambeherrschend an meiner Tischplatte festgekrallt hat. Er reißt mir den Ausdruck aus derHand und zischt: "Allerdings ist das meine Lohnabrechnung! Und hier?! Und das hier?!Was zum Teufel ist das hier?! Ginger hat gesagt, das sei deine verf..... Ideegewesen?!" "Das ist nur die Abrechnung deiner Maus-Maut", sage ichbesänftigend und nehme die Brille ab. "Absolut kein Grund zur Aufregung. Ganz 'cool'bleiben, Mann!"

Jerrys Stimme schnappt über: "Da fehlen565 Dollar auf meinem Paycheck!!! Und ich soll cool bleiben! Was zum Teufel heißt dashier: 113.4 Miles Mouse Toll equals $ 565" "Ganz einfach", sage ich undnehme das Papier aus Jerrys zitternden Fingern. "Unser Hardware-Etat ist infolgeeiniger notwendiger Investitionen in der... ähm... jüngeren Vergangenheit sozusammengeschmolzen, daß die... hmm... Institutsleitung beschlossen hat, eine Mautgebührfür die Abnutzung der Mäuse einzuführen. Weißt du überhaupt, wieviel wir im Jahr fürkaputte Mäuse ausgeben?" "Ich..." "Fast dreitausend Dollar! Es wurdedeshalb vorgeschlagen, diese Kosten aufwandsneutral und verschleissproportional an dieBenutzer
durchzureichen..."

'Aufwandsneutral', 'verschleissproportional 'und 'an Benutzer durchreichen' habe ich mir von unserem bayerischen Augenbrauen-Monster('T. Weigel'). abgehört. 'Verbreiterung der Einkommensbasis' ist auch so ein Renner vonihm! Ich hätte wirklich Politiker werden sollen! - "... und deshalb werden fürjeden Benutzer ab sofort die mit der Maus zurückgelegten Meilen registriert und amMonatsende mit $ 5 pro Meile vom Paycheck abgezogen. übrigens zahlen natürlich auch dieStudenten, allerdings nur $ 3 pro Meile..."

Jerry starrt mich an; das muß er erstmalverdauen. "BUT THIS IS OUTRAGEOUS!" explodiert er schließlich. "Das lasseich mir nicht bieten! Wie soll man da noch wissenschaftlich arbeiten! Ich werd' mich beimDean beschweren..."

Ich zucke gelassen mit den Schultern. "Essoll ja noch andere Leute geben, die scharf auf einen Job an der Uni sind. Im SiliconValley wimmelt es geradezu von frustrierten, ausgenutzten Hackern, die nur darauf warten,daß hier an der Cal ein ruhiger Job frei wird..." Ich öffne eine Textdatei undgucke hinein.

"... außerdem würde ich hier nicht solaut vom 'wissenschaftlich arbeiten' herumtönen. Ich habe mir mal deine letzten vierVeröffentlichungen angeschaut. Tststs. Also beim besten Willen: da steht doch überalldasselbe drin, obwohl das Kind jedesmal einen anderen Namen hat. Jaja, ich weiß schon:'publish or perish'. Aber mit so einer Veröffentlichungsliste würde ich an deiner Stellelieber einen Sicherheitsabstand zum Büro des Dean einhalten..." - Jerry macht denMund auf. Dann macht er ihn wieder zu, reißt mir die Abrechnung aus der Hand undverschwindet.

Das Arbeitsklima wird doch gleich vielentspannter, wenn man ein bißchen über den Hintergrund seiner Mitarbeiter Bescheid weiß...