The Bastard Operator from Hell


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In meiner Mailbox ist eine Nachricht mit dem Titel:'Datenverlust - Bitte restaurieren!' - Ich lösche die Mail. Keine Stunde später kommtwieder eine Mail vom gleichen Absender: 'Re: Datenverlust. Benötige dringend dieDaten!!!' - Ich lösche die Mail. Gerade als ich zum Lunch gehen will, da schmatzt mein Mailer schon wieder (Ich habe meinen Mailer so konfiguriert, daß er vor dem Lunch schmatzt und nach dem Lunch rülpst): 'Re: Re: Datenverlust - HALLO, HÖRT MICH JEMAND???'- Ich überlege, ob es sich lohnt, in die Mail zu gucken - aber dann lösche ich sie doch lieber. Man soll sich so kurz vor dem Mittagessen nicht ablenken lassen. Das könnte dieMagen saftproduktion durcheinanderbringen.

Kurz nach dem Lunch - so gegen 3 pm - klingelt mein Telefon.Weil heute die Sicht aufs Golden Gate so gut ist und die gegrillten Austern wirklich ganzausgezeichnet waren (mit selantro-lemon sauce!), hebe ich ab. Er ist es wieder: 'Was istdenn los?! Haben Sie meine Emails nicht bekommen?!' - Ich frage nach seinem Account und ergibt ihn mir. 'Doch, die Emails habe ich bekommen', sage ich, 'sie stehen an 346., 347.und 348. Stelle in meiner Task-Liste.' Er schnappt nach Luft. Dann kapiert er, was dasbedeutet und er schnappt noch einmal nach Luft. 'Aber ich brauche diese Daten D R I N G EN D ! Ohne die kann ich nicht weitermachen, und übermorgen ist deadline für meinproposal und...' - 'Um was für Daten handelt es sich überhaupt?' frage ich. Er berichtetmir aufgeregt, daß er ein ganzes Dir mit brandaktuellen, einzigartigen, phantastischen,nobelpreisverdächtigen, Ergebnissen gelöscht hat. 'Tja, herzliches Beileid. Da kann mannichts machen', versuche ich zu trösten, 'dafür haben Sie jetzt wieder mehr Platz inIhrem Account. Und wahrscheinlich haben wir heute was gelernt, hmm?' Das muß er erst einpaar Sekunden lang verdauen, bis er auf die tieferen Implikationen stößt: 'Äh... wassoll das heißen: da kann man nichts machen?' erkundigt er sich mit zitternder Stimme. 'Wirhaben doch Backups?' Ich schweige. 'Haben wir doch, oder?' wiederholt er leise. Ichschweige. 'Oder, haben wir nicht?' fragt er mit ganz heiserer Stimme. 'Nicht mehr!', sageich ruhig. 'WIESO NICHT?!!!' - 'Wir hatten doch dieses schnucklige kleine Bandgerät imRechnerraum, das jede Nacht ein increment von allen Userdaten gemacht hat', erkläre ich.'Sie wissen schon, das Ding, in das man JEDEN ABEND ein neues Band einlegen muß."Tja, vorgestern wollten wir den Rechnerraum mit ein paar Blumentöpfen verschönern.Und dabei hat jemand aus Versehen einen ziemlich schweren Pflanzkübel mit blauenkalifornischen Jorgulieren auf das Bandgerät fallen lassen. Und seit dem: keine Backupsmehr...!' - 'Oh, nein!'
Das ewige Bandwechseln ging mir schon nach einer Woche auf den Geist. Zum Glück habe ichin einer dunklen Ecke des Rechnerraums einen handlichen 5-Pfund-Hammer entdeckt (in einerroten Kiste mit der Aufschrift 'EMERCENCY ONLY'). Abgesehen davon gibt es keine 'blauenkalifornischen Jorgulieren'- zumindest kenne ich keine...
'Aber ich habe uns sofort ein ultramodernes Backup-Gerät bestellt, sogar mit einemRoboter zum automatischen Bänderwechseln. Das Ding steht schon hier bei mir zum Testen',sage ich, um ihn aufzumuntern. (Psychologie ist wichtig bei meinem Job!) Und da wird esvorerst auch bleiben. Robby kann nämlich auch VCR-Kassetten wechseln. Jetzt muß ichzwischen den Videos nicht mehr aufstehen und zum Recorder gehen...
'Aber wo sind dann meine Daten?!' flüstert er. 'Tja, mein erster Tip wäre: nirgendsmehr! Unter UNIX werden freigegebene Blöcke auf der Platte normalerweise sofort wiederüberschrieben. Aber...' 'Ja?' 'Naja, manchmal, wenn es sich um ziemlich vielezusammenhängende Daten handelt, sind die Files vielleicht doch noch irgendwo auf derPlatte...' 'Jaaah?' 'Haben Sie denn noch die Namen der gelöschten Files?' frage ich. 'Jaaah!!!''Es kommt nämlich vor, daß sich die gelinkten Node-Entries auf der VAT gegensynchron ausder gespiegelten Meta-VAT decodieren und über den normalen Fodgers-Robertson-Effekt inden Tunnelbereich der magnetischen Resonanz der Bernoulli-Oberfläche extrapolieren...' -Ich kann's einfach nicht lassen!

'Oh...', sagt er, 'natürlich...' Das heißt also: DUMMYMODE ON!

'Versuchen Sie doch einfach mal folgendes', sage ich. 'Sielegen das gelöschte DIR wieder an und erzeugen darin mit dem Befehl 'touch' genau dieFiles, die gelöscht wurden. Manchmal synchronisieren die Einträge dann an die richtigeStelle in der VAT und die Daten werden wieder sichtbar. Aber wenn überhaupt, dann erstwenn wieder alle Filenamen komplett da sind' 'Aha... aber das waren ja Hunderte vonNamen...', sagt er. 'Tja, ich habe ja auch nicht gesagt, daß es einfach ist...', sage ichbedauernd. Wie gesagt: manchmal kann ich mich selber nicht ausstehen... Er sagt, daß eres immerhin versuchen werde, und legt auf.

Das wird ihn die Nacht über beschäftigen - und ihn morgenhoffentlich davon abhalten, weitere Emails an 'Admin' zu schicken...

Zum wöchentlichen traditionellen Halb-Vier-Uhr-Tee gibt eswarme 'scones' (Teegebäck) Die 'scones' holt Ginger höchstselbst aus einer dafürspezialisierten Bäckerei - etwa 27 Meilen vom Campus entfernt. (Benzin ist rechtpreiswert in Kalifornien!) Früher, bevor ich am 'ARSCH' eingestellt wurde, hatte es einentraditionellen Fünf-Uhr-Tee gegeben, der mangels Beteiligung der Angestellten praktischnie stattfand. Welche halbwegs vernünftige humanoide Lebensform ist um fünf Uhr noch imBüro? Allerhöchstens ein paar unverbesserliche Hacker vom Saturn...

Seit allerdings auf meinen Vorschlag der Termin auf 3:30pmvorverlegt wurde und ich zudem den Wartungszyklus für unsere Workstation-Cluster aufdiesen Termin verlegt habe, ist die Beteiligung der Belegschaft um mehrere Tausend Prozentgestiegen...

Zu den warmen 'scones' schmeckt am besten frische, salzigeButter. Also gehe ich in die Teeküche und hole ein frisches Päckchen aus dem Kühlschrank.Als ich es auswickeln möchte, fällt mein Blick auf den Aufdruck: 'FRISCHES PÄCKCHEN!HIER ÖFFNEN!'

Wirklich interessant! Es hätte sich ja auch um völligverranzte Butter aus dem Freiheitskrieg handeln können! Also muss man den beruhigendenHinweis 'FRISCHES PÄCKCHEN' wirklich dankbar zur Kenntnis nehmen. Und 'HIER ÖFFNEN'steht praktischerweise auf der einzigen freien Lasche des Pergamentpapiers, damit ich auchnicht aus Versehen mit dem Büchsenöffner 'rangehe!
Sheeeeesh-Aaaargggg!!!
Manchmal übertreiben sie es schon ein bisschen hier - ein bisschen?

Für meinen mintgrünen Ford Mustang habe ich mir einen 'sunscreen' besorgt. Das ist im Prinzip nur ein riesiges, farbenfrohes Stück Pappe, das manhinter die Windschutzscheibe klemmt, damit die Sonne nicht den ganzen Tag ins geparkteAuto knallt. Und was steht mit großen roten Buchstaben auf der Rückseite: 'WARNING: DONOT DRIVE WITH SCREEN IN PLACE!'
Sheeeeesh-Aaaargggg!!!
Nach dem Tee mache ich meine Runde durch die Labs, um zu kontrollieren, ob die Studentennoch ein paar 'scones' mitgehen haben lassen und jetzt die Tastaturen vollbröseln. Wennich einen erwische, gibt es eine ernste Verwarnung, 10 Dollar Strafe und ich konfizieresofort das corpus delicti. Das Geld kommt in die schwarze Kasse für 'Sonderanschaffungen'(wo auch die Maus-Maut hinfließt!), und die beschlagnahmten 'scones' kommen in meinenMagen.

Einigermaßen gesättigt kehre ich in mein Büro zurück undschaue nach, was heute noch ansteht: Meine Mailbox? Leer! Ausgezeichnet! Allmählichscheinen meine Erziehungsbemühungen Früchte zu tragen... Die Mailboxen der Mitarbeiter?Ich überfliege kurz die Titel - Nichts was sich für eine kleine Erpressung lohnen würde... 
Ich klicke mich durch die Pages von ein paar lokalen Tageszeitungen. Schließlich muß mansich mit der fremden Kultur vertraut machen. Und was hilft da besser, als dieKlatschspalten der lokalen Presse. Probleme mit der Sprache? Aber woher denn!Amerikanisches Englisch ist sowieso verkapptes Deutsch...
Wie? Ihr zweifelt? Ok, let's see...

'... and her frumpy Hausfrau look fits more for aPutz-around-the-house than for a gala dinner...' (kritische Anmerkungen zur Mode derHollywood-Prominenz)

'.. while years ago kids used to spent their free time inthe Kinder-Gym, nowadays the only observable movement may be a very cool sneer ...'(kritische Anmerkungen zur heutigen Jugend)

'... and then all suddenly it's there: Wanderlust fills yourmind...' (Hiking tips)

'... pure Schadenfreude on the winner's side and the Angstfor the rest of us..." (sarkastische Bemerkungen zur neuesten Game-Show, bei der esdarum geht, möglichst viele Gegner mit blauem Schimmelkäse zu ersticken, währendgleichzeitig Verse von Bukowsky rezitiert werden)

'... he cautiously approached his vicious Doppelgänger...'(Fortsetzungsroman über kartoffelähnliche Aliens, die sich als Menschen replizieren. Wirraten ab!)

'... influenced by an overthrown Weltanschauung that...'
'... however, considering the Zeitgeist in ...' (Philosophisches Feuilleton -unverkennbar!)

'... again to be said that the politically correct positivethinking regarding the EURO is set über alles...' (Tendenzioeses Editorial zurEuropapolitik)

'... walked back to the microphone and continued hisSpiel...' (Schon wieder Feuilleton! Diesmal der Kritiker)

'... but the Green Party - after a few detours - got back toit's fruitless Realpolitik...' (Politischer Kommentar, republikanisch)

'... Ur-pepper ...' (Kochrezepte, demokratisch)

Auf dem Nachhauseweg besuche ich noch ein paar öffentlichePC-Labors in unserem Gebaeude und packe bei einem halben Dutzend Windoofs-Rechnern dieDOS-Box in den Autostart-Ordner. Bei den Macs lenke ich die Drucker-Queues um auf denLaserdrucker im Sekretariat des Deans. Die Sekretärin des Deans ist ein besonders bösartigerwasserstoffgebleichter Drachen mit künstlich verlängerten, dunkelroten Krallen, deren Büroman nicht ohne kugelsichere Weste betreten sollte...

Was wäre das Studentenleben ohne ein wenig Abenteuer...

 

1906, San Francisco, California. Die Brände, die das großeErdbeben ausgelöst hatte, sind unter Kontrolle. Ich habe bereits die Wasserversorgung in95 % der Haushalte wiederhergestellt und der Wiederaufbau der Verkehrsinfrastruktur ist imvollen Gange. Die Finanzlage stabilisiert sich allmählich, und ich lockere ein wenig dieSteuerschraube, was mir wiederum ein paar Prozent in den Umfragen
einbringt. Wenn jetzt nicht noch ein Monster auftaucht und Golden Gate Park verwüstet,werde ich die nächste Wahl haushoch gewinnen.

Eine kleine Pause kann nicht schaden, denke ich und nehmedie Hände von der Tastatur. Es wird auch höchste Zeit: meine rechte Hand fühlt sichtaub an und seit einer Stunde kämpfe ich mit Krämpfen im Unterarm. Vier Stunden City2000am Stück ist vielleicht doch etwas zuviel! Kollege Ron trampelt auf seinenüberdimensionierten Joggingschuhen an meinem Zimmer vorbei und sieht, wie ich meine Handmassiere. 'Zuviel gearbeitet?' sagt er grinsend. 'Du solltest mehr für deine Fitneß tun,sonst bist du mit 40 reif für die erste Herzattacke...' 'Haha', sage ich und löscherasch alle seine Emails in der Mail Spool Area.

Ron gehört der hier weitverbreiteten Gattung derAuto-Masochisten an. Er ist nur glücklich, wenn er sich täglich mindestens eine Stundelang selbst quälen kann. Z. B. fährt er nicht, wie alle anderen vernunftbegabtenLebewesen, die es in jahrmillionlanger mühsamer Evolution geschafft haben, Cabriolets
zu entwickeln, mit dem Auto ins Büro, sondern mit dem Fahrrad - Verzeihung! - mit demMountainbike, wollte ich sagen. An sich wäre das ja noch relativ harmlos (obwohl dieVollbluthacker unter euch sicher bereits die Stirne runzeln), aber Ron wohnt auf denBerkeley Hills - circa 350 Meter über Normalnull; und der Campus liegt auf Meereshöhe!

Letzte Woche ist er "mal eben so" von Alcatraznach Angel Island geschwommen. Jeder, der 'Escape from Alcatraz' gesehen hat, weiß, daßdas Wasser eiskalt ist, von Haien wimmelt und es nur eine kurze halbe Stunde zwischen denTiden gibt, während der die gefährlichen Strömungen abflauen. Natürlich läuft erjedes Wochenende einige Zig Meilen durch die Hitze - am liebsten auf steile Berge, damites nicht zu langweilig wird. An den Strand nach Point Reyes fährt Ron mit dem Fahrrad.Wenn er allein ist und ihn keine Langweiler aufhalten, braucht ER dafür eineinhalbStunden. ICH brauche dazu eine Stunde - mit meinem mintgrünen Mustang auf dem Freeway!Alle großen Marathonläufe der westlichen Hemisphäre hat Ron bereits erfolgreichabsolviert. Sein größter Kummer ist, daß er noch niemanden gefunden hat, der mit ihm'The Big Run' machen möchte. 'The Big Run' führt vom tiefsten zum höchsten Punkt derVereinigten Staaten (außer Alaska), also vom Death Valley (282 Fuß unter Null, ca. 46Grad im Schatten) bis zum Gipfel des Mt. Whitney (14495 Fuß über Null, ewiges Eis), unddas Ganze innerhalb von 24 Stunden.

Die Aufzählung ließe sich fortsetzen, aber ich denke, ihrwißt jetzt, was ich unter 'Auto-Masochisten' verstehe. Würde mich gar nicht wundern,wenn Ron demnächst nach Hawaii schwimmen würde...
Trotzdem, vielleicht sollte ich auch mal was für meine Figur tun... Immerhin fällt mirauf, daß ich letzter Zeit die Arme immer weiter strecken muß, um an die Tastatur zukommen.

Diät halten? Kommt nicht in Frage! Außerdem mache ichsowieso schon seit Jahren eine strikte Pizzadiät... Durch die Hitze joggen? Forget it!Bin ich Arnold Schwarzenegger? Wenn ich schon 'work out' mache, dann mit allen technischenSchikanen! Ich gehe zwei Block weiter zum 'Platinum Gym', dem teuersten Fitneß-Tempel amOrt, und sage dem Blondie-Girl am Empfang, daß um die Ecke ein Pickup meinen Wagenbehindert, und ich nicht wegfahren kann, und ob sie nicht vielleicht mal ganz hopptinachschauen könnte, ob es vielleicht der Pickup von einem ihrer beknackten Kunden sei.Eingeschüchtert verlässt die Kleine ihren Posten, OHNE VORHER IHR TERMINAL ZU SPERREN!

Zehn Minuten später kommt sie ganz verwirrt zurück undentschuldigt sich tausendmal, aber sie könne keinen Pickup sehen, der ein parkendes Autobehindere. 'Oh?' sage ich und lächele mein charmantestes Lächeln, 'Wahrscheinlich istder Kerl schon selber weggefahren. Ich habe noch ein klitzekleines Problem: Ich habeleider meine Mitgliedskarte verloren. Aber ihr habt ja alle meine Daten im Computer...'Ihr Gesichtchen unter dem blonden Haarschopf hellt sich auf: das ist etwas, wo sie helfenkann!

Bald darauf bin ich im Besitz einer funkelnagelneuenMitgliedskarte (Gold Plus) für das nächste Jahr und sitze im 'Cardiovascular TrainingCenter' auf einer 'tread mill'. Der Raum ist konstant auf 22 Grad und 78 %Luftfeuchtigkeit klimatisiert, das Licht mit sanfter UVA Strahlung angereichert undsämtliche anwesenden Auto-Masochisten sind an Herzmonitore angeschlossen. Meine 'treadmill' ist eine Art robustes Fahrrad auf Stelzen, das ein sadistisch veranlagter Ingenieurmit einem zufallsgesteuerten Steigungsprofil ausgestattet hat. Direkt vor meiner Nase istein großes 17 Zoll Farbdisplay, auf dem ich wahlweise folgende Informationen abrufenkann:

  • die Uhrzeit,
  • die verstrichene Trainingszeit,
  • meine Pulsrate,
  • meine 'burning rate' (Kalorien pro Stunde),
  • meine bereits erzeugte Energiemenge,
  • meine (virtuelle) Geschwindigkeit,
  • die aktuelle Steigung (auf die ich keinen Einfluß habe, weil ich den Zugangskode zu dem blöden Ding noch nicht 'rausgenommen habe),
  • das Steigungsprofile der nächsten 60 Sekunden (damit ich mich schon
    mal geistig darauf einstellen kann),
  • den Wetterbericht,
  • das heutige Menü im Casino,
  • die Außentemperatur, Innentemperatur und Luftfeuchtigkeit,
  • den aktuellen Dow Jones Index,
  • den Bay Area Traffic Report,
  • 46 Fernsehkanäle (einschließlich HBO und ShowTime),
  • meinen letzten Kontostand,
  • die letzten Sonderangebote im Supermarkt um die Ecke.

Nachdem ich sämtliche erforderlichen Disclaimerunterschrieben habe, daß ich auf eigenes Risiko trainiere und unter gar keinen Umständendie Leitung des Fitneß-Centers für etwaige Verletzungen oder gar ein vorzeitiges Ablebengerichtlich belangen werde, fülle ich zuallererst ein Beschwerdeformular aus, in dem ichbeklage, daß von den 'tread mills' aus kein Internet-Zugang möglich ist.

Dann beginne ich mit dem eigentlichen Training: FünfMinuten später bin ich im Kontrollprogramm meiner 'tread mill' und ändere das Vorzeichendes Kraftwiderstands. Die Pulsrate stelle ich konstant auf 174. Dann wähle ich diehöchste Stufe und die 'tread mill' beginnt von sich aus zu strampeln. Ich muß mich nurnoch zurücklehnen und die Beine entspannen.

Neben mir schwitzt eine etwa 40jaehrige Asiatin, die linksund rechts über den Sitz quillt. Ich schiele diskret auf ihr Display: sie ist auf derhöchsten Schwierigkeitsstufe, Pulsrate 142 und Trainingszeit bereits 53 Minuten. Aufihrem schweissbedeckten Gesicht liegt ein entrücktes Lächeln; die Augen sind halbgeschlossen. Sie murmelt leise vor sich hin, während sie schnaufend in die Pedale steigt.Ich spitze die Ohren (+20 dB):
'Meine Beine werden stärker und stärker. Ich werde jeden Tag stärker. Meine Leistungsteigert sich und steigert sich und steigert sich. Mein Bauch ist flacher und stärker alsgestern. Meine Knie sind stark und flexibel. Mein Körper fühlt sich super. Ich brauchekeine Süßigkeiten mehr. Ich fühle mich wohl...' So geht das die ganze Zeit.Ununterbrochen. Psycho-Training. Stand auch in einer der vielen Broschuren, die sie mirbei der Anmeldung in die Hand gedrückt hatten. Es geht mir auf den Geist! Mal sehen, wasman dagegen tun kann...
Ich beginne zu keuchen und zu schnaufen. Dann würge ich kurzatmig kurze Wörter hervor: 'Aarrg...Oh, Gott... Uaaarg... Shit!... Uff!... Oh, Gott...'

Meine Nachbarin kommt aus dem Takt und schaut irritiert zumir herüber. 'Wissen Sie, an was ich immer denken muß, wenn ich hier bin?' frage ich.Sie schüttelt stumm den Kopf. 'Schokolade', sage ich sehnsüchtig, 'Tonnen vonSchokolade. Kartoffelchips, ganze Säcke voll. Oder Icecream, am besten Marshmallow Fudgevon Baskin Robins mit der leckeren Peanut-Roasted-Almond-Sauce....' Die Quallen-Frauschluckt hart und guckt wieder auf ihr Display. Ihre 'burning rate' ist bereit um 15Kalorien pro Stunde gefallen. Ich seufze so laut, daß sie zusammenzuckt.
'Ist das nicht eine unglaubliche Schinderei hier?' ächze ich. 'Da sitzt man nunstundenlang und rackert sich ab, und nimmt trotzdem nicht ab... Da sehen Sie mal: ich binauf 174 und fühle mich grässlich! Richtig übel kann es einem werden, wenn man sich soüberanstrengt...' Die Quallenfrau wirft einen verzweifelten Blick auf meine wie rasendwirbelnden Beine und wird selber immer langsamer. 'Schätze, ich werde mich noch ein wenigsteigern müssen', seufze ich resigniert. 'So hat das ja alles keinen Sinn...' Kurze Zeitspäter wirft sie heulend das Handtuch und wabbelt schniefend zum Ausgang.

Erfrischt gucke ich mir das 'Strength Center' an: lautervollcomputerisierte Kraftmaschinen für jeden nur denkbaren Muskel der menschlichenAnatomie (von einigen Muskeln wußte ich nicht mal, daß sie existieren!). Ich fummele einwenig am Control-Panel der 'Pull Down' Maschine herum und erhöhe den 'Negative ResistanceFactor' auf 1000 %. Dann suche ich die Trainerin vom Dienst, ein zierliches Persönchenmit Muskelknoten an jeder freien Ecke, und bitte sie, mir die 'Pull Down' Maschine zuerklären. 'Ganz einfach', sagt sie professionell und besteigt das riesigeFolterinstrument. 'Sie setzen sich hier hin, wählen das aufgelegte Gewicht mit dieserTastatur und ziehen dann diese beiden Griffe immer bis auf Schulterhöhe herunter. Schönlangsam. Diese Maschine produziert wie alle anderen auch ein höheres Gewicht auf dem Wegnach oben als nach unten... Aaaaarrrrrg!!!'
Die 1000% Negativgewicht reissen die Trainerin wie nichts in die Hohe; dort strampelt sieverzweifelt mit den Beinen und schreit um Hilfe. Ich simuliere Panik und reisse denNetzstecker der Maschine aus der Wand. Die Maschine läßt los, und die Trainerin knalltaus 3 Meter Höhe hart auf den Fußboden. 'Ich glaube, ich gehe doch lieber in dieAerobic-Klasse', sage ich und verziehe mich diskret.

Im Aerobic-Studio ist ein muskelbepackter ebenholzschwarzerSadist mit weißen Tennisschuhen dabei, eine Gruppe von schwitzenden weißen Frauen inpapageienhaften Gewändern bis aufs Blut zu malträtieren. 'Yeaah! Feel the burn! Do yahfeel it? Are you burning yet? Yeeesss! That's what you want, huh? Your body is never onvacation...' Man kann sehen, daß es ihm Spaß macht, alle die verweichlichten Weißbroteder gehobenen Mittelklasse auszuwringen. Und gleichzeitig kann er auch noch seineLieblingsplatten Hören. Kein schlechter Job! Als ich dazukomme, zählt er gerade fürLiegestütze den Countdown im Takt der Musik: '... elf... zehn... neun... acht...sieben... sechs... fünf...' Er sieht mich in der Tür stehen und grinst glücklich voneinem Ohr zum anderen. Die feminimen Weißbrote schnaufen und stöhnen. Ich lasse meinenkritischen Blick über die schweissnassen, ächzenden Leiber schweifen, schüttele langsamden Kopf und deute mit dem Daumen nach unten.. Der Aerobic-Sadist grinst noch breiter: '...vier... drei... zwei........ neun... acht... sieben...' Erstickte Protestrufe aus derGruppe; einige geben auf und bleiben in einer Pfütze aus Schweiß liegen. DerAerobic-Sadist springt zu der Frau, die am lautesten protestiert hat, und schreit imKasernenton: 'Fünf extra! Aber flotty! Fünf... vier... drei...'

Vielleicht sollte ich mich als Trainer bewerben...?